Humphrey – vom Überleben zum Vertrauen

Veröffentlicht am 20. März 2026 um 10:06

Als Humphrey im Sommer 2022 seinen Weg zu uns fand, hatte er bereits eine lange Reise hinter sich.
Er wurde von einer engagierten Tierschutzorganisation aufgenommen, die ihn und seinen Bruder liebevoll aufgepäppelt hat. Von dort aus kamen beide nach Deutschland.

Damals hieß Humphrey noch Cody und kam zunächst in eine Pflegestelle nach München. Dort durften wir ihn kennenlernen.
Eigentlich war er für Clarence gedacht – als Unterstützung in einer schweren Zeit.

Clarence hatte kurz zuvor seine Gefährtin Sally verloren. Sie war plötzlich schwer erkrankt und gestorben. Nachdem Sally ihm einst über den Verlust von Manni hinweggeholfen hatte, traf ihn ihr Tod besonders tief. Die Trauer schien kaum überwindbar.

Als Humphrey und Clarence sich begegneten, war sofort spürbar:
Die beiden verstehen sich.
Sie wurden auf Anhieb Freunde.

Und so entschieden wir uns, ihnen beiden eine Chance zu geben –
sich gegenseitig zu helfen.


Wir gaben ihm den Namen Humphrey. Unser Enkel heißt Cody, und wir wollten, dass dieser besondere Hund auch einen eigenen Namen bekommt.
Der Name entstand auch ein wenig aus „Humpty Dumpty“ aus England – und „Humpty“ ist bis heute sein Spitzname geblieben.

Und ja – Humphrey ist tatsächlich ein bisschen wie Humpty Dumpty.
Er ist tollpatschig. Er sitzt oft etwas seltsam. Und manchmal scheint es, als hätte er viel zu viele imaginäre Feinde. Wenn er sitzt, fällt er auch schon mal einfach um.
Und das Schönste daran: Es scheint ihn überhaupt nicht zu stören.

Anfangs dachten wir, es sei Unsicherheit.
Heute wissen wir: Es ist ihm einfach nicht wichtig, elegant zu sein.

Humphrey ist auf seine ganz eigene Weise souverän.
Vielleicht sogar cooler, als wir es uns je hätten vorstellen können.


Was ihm wirklich wichtig ist, sind andere Dinge.
Humphrey ist unglaublich feinfühlig. Er nimmt kleinste Veränderungen in der Stimmung wahr – und reagiert darauf.

Sein Weg war jedoch nicht einfach.
Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis er begann, sein Trauma aus der Vergangenheit loszulassen.

Noch heute verlässt er den Raum, wenn jemand einen Stock in die Hand nimmt.
Er rennt nicht mehr. Aber er geht.

Und wir haben gelernt, das zu respektieren.

Er darf selbst entscheiden, ob er in einem Raum bleiben möchte oder nicht.
Er darf sagen: „Das ist mir zu viel.“

Er hat so viel überwunden – und wir geben ihm den Raum, den er braucht.
In seinem Tempo.
Oder auch mit der Entscheidung, dass manches vielleicht bleiben darf.


Durch Humphrey habe ich etwas sehr Grundlegendes verstanden:

Trauma löst sich nicht in einer bestimmten Zeitspanne.
Es löst sich dann, wenn der Betroffene bereit ist.
Und wenn er sich sicher genug fühlt.

Dieser Zeitpunkt kann nicht eingefordert werden.
Er kann nur entstehen.

Und wir dürfen lernen, ihn abzuwarten.


Heute ist Humphrey ein fröhlicher, lebenslustiger Hund.
Er genießt das Leben in vollen Zügen – und ist bei jedem kleinen „Blödsinn“ begeistert dabei.

Seine Rolle als Therapiehund nimmt er jedoch sehr ernst.
Er begrüßt meine Klienten, begleitet sie zu ihrem Platz und legt sich oft ruhig neben sie.

Manchmal schläft er einfach.
Und manchmal steht er auf, geht hin und spendet Trost.

Dann legt er seinen Kopf auf den Schoß oder leckt sanft die Hände –
als wollte er sagen:

„Dieses Gefühl kenne ich. Du bist nicht allein.“


Humphrey ist mein großer Stolz.
Und immer wieder bin ich berührt davon, wie viel er mir beibringt –
auf seine ruhige, geduldige und so unglaublich behutsame Art.