Warum Selbstakzeptanz der erste Schritt zur Veränderung ist

Veröffentlicht am 15. Juli 2026 um 21:58

 

"Das merkwürdige Paradox ist: Erst wenn ich mich so annehme, wie ich bin, kann ich mich verändern."
– Carl R. Rogers, On Becoming a Person (1961)

Es gibt Zitate, die einen über viele Jahre begleiten. Dieses von Carl Rogers gehört für mich dazu, weil es einen Gedanken auf den Punkt bringt, den ich auch in meiner Arbeit immer wieder erlebe.

Auf den ersten Blick wirkt seine Aussage widersprüchlich. Müssten wir uns nicht zuerst verändern, bevor wir uns selbst akzeptieren können? Viele Menschen glauben genau das. Sie denken, sie müssten erst mutiger, gelassener, selbstbewusster oder belastbarer werden, um mit sich zufrieden sein zu dürfen. So entsteht oft ein ständiger Kampf gegen sich selbst – mit dem Gefühl, nie gut genug zu sein.

Doch vielleicht beginnt Veränderung ganz woanders.

Selbstakzeptanz bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder sich mit belastenden Situationen abzufinden. Sie bedeutet vielmehr, sich selbst und die eigene Lebenssituation ehrlich und gleichzeitig mit Mitgefühl zu betrachten. Die eigenen Gefühle wahrzunehmen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und anzuerkennen, was im Moment wirklich ist – ohne sich dafür zu verurteilen.

Gerade das fällt vielen Menschen schwer. Stattdessen entwickeln wir Strategien, die uns helfen, schwierige Situationen auszuhalten. Wir reden sie uns schön, hoffen darauf, dass sich der andere irgendwann verändert, lenken uns mit Arbeit oder anderen Aufgaben ab oder versuchen, unangenehme Gefühle möglichst nicht zu spüren. Manchmal sagen wir uns: „So schlimm ist es doch gar nicht.“ Oder: „Andere haben es viel schwerer.“

Diese Strategien sind keineswegs falsch. Im Gegenteil – sie haben oft eine wichtige Funktion. Sie haben uns geholfen, schwierige Zeiten zu überstehen, als wir vielleicht noch keine anderen Möglichkeiten hatten. Doch was uns einmal geschützt hat, kann uns später daran hindern, unser Leben bewusst zu gestalten.

Selbstakzeptanz bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass wir diejenigen sind, die sich verändern müssen. Manchmal erkennen wir erst durch den ehrlichen Blick auf uns selbst und unsere Lebenssituation, dass wir nicht falsch sind. Vielleicht werden unsere Grenzen immer wieder überschritten. Vielleicht finden unsere Bedürfnisse keinen Raum. Oder wir halten an einer Situation fest, die uns längst nicht mehr guttut, weil wir hoffen, dass sie sich irgendwann von selbst verändert.

In solchen Momenten besteht Veränderung möglicherweise nicht darin, ein anderer Mensch zu werden. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, eine Grenze zu setzen, Hilfe anzunehmen, einen neuen Weg einzuschlagen oder sich von etwas zu lösen, das nicht mehr zum eigenen Leben passt.

Für mich liegt genau darin die Bedeutung von Selbstakzeptanz. Sie ist kein Zeichen von Resignation und auch kein Aufgeben. Sie ist der Moment, in dem wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen, und beginnen, uns mit derselben Freundlichkeit zu begegnen, die wir einem guten Freund entgegenbringen würden.

Erst wenn wir uns selbst wirklich sehen – mit unseren Gefühlen, Bedürfnissen, Stärken und Verletzlichkeiten –, können wir erkennen, welche Veränderung uns tatsächlich guttut. Manchmal führt uns diese Erkenntnis zu persönlichem Wachstum. Manchmal gibt sie uns den Mut, Grenzen zu setzen oder Entscheidungen zu treffen, die wir lange vor uns hergeschoben haben. Und manchmal zeigt sie uns, dass nicht wir das Problem sind, sondern eine Lebenssituation, die nicht mehr zu uns passt.

Vielleicht liegt genau darin das Paradox, das Carl Rogers beschrieben hat. Veränderung beginnt nicht immer damit, dass wir uns selbst verändern. Manchmal beginnt sie mit dem Mut, uns selbst anzunehmen – und von dort aus unser Leben neu zu gestalten.

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