Wenn Einsamkeit eigentlich Kulturschock ist
"Ich verstehe es einfach nicht. Die Menschen sind freundlich, aber niemand scheint wirklich Interesse daran zu haben, Freundschaften zu schließen." Diesen Satz höre ich als Psychologin immer wieder von Menschen, die nach Deutschland gezogen sind. Nachdem die erste Euphorie über den Neuanfang langsam nachlässt, stellt sich bei vielen ein Gefühl ein, mit dem sie nicht gerechnet haben: Einsamkeit. Viele beginnen an sich selbst zu zweifeln. Sie fragen sich, ob sie etwas falsch machen, ob sie nicht offen genug sind oder ob sie einfach nicht dazugehören. Dabei liegt die Ursache häufig gar nicht in der eigenen Persönlichkeit. Viel öfter handelt es sich um einen ganz normalen psychologischen Prozess – den Kulturschock.
Wenn wir an Kulturschock denken, stellen wir uns häufig Sprachbarrieren, unbekannte Speisen, Sitten oder eine fremde Bürokratie vor. Tatsächlich betrifft Kulturschock jedoch viel häufiger unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir verlassen nicht nur unser Heimatland, sondern auch ein vertrautes soziales System. Die Art, wie Menschen miteinander sprechen, Freundschaften schließen oder ihre Beziehungen pflegen, verändert sich oft grundlegend. Unser Gehirn muss all diese neuen Regeln erst verstehen.
Deutschland wird im internationalen Vergleich als eher individualistisch geprägte Gesellschaft beschrieben. Eigenständigkeit, Privatsphäre und persönliche Grenzen besitzen einen hohen Stellenwert. Beruf und Privatleben werden häufig klar voneinander getrennt und Freundschaften entwickeln sich oft langsamer, als Menschen aus anderen Kulturen es gewohnt sind. Wer aus einem Land kommt, in dem Nachbarn spontan auf einen Kaffee vorbeikommen, Familien eng miteinander verbunden sind oder neue Bekanntschaften schnell zu Freundschaften werden, erlebt diesen Unterschied häufig als schmerzhaft. Was für Deutsche ganz selbstverständlich erscheint, kann sich für einen Expat wie Ablehnung anfühlen. Dabei bedeutet Zurückhaltung meist nicht Unfreundlichkeit. Sie ist einfach Ausdruck einer anderen Kultur.
Unser Gehirn sucht ständig nach Zugehörigkeit. Es möchte wissen, ob wir angenommen werden und ob wir in unserer Umgebung sicher sind. Fehlen plötzlich die vertrauten sozialen Signale, beginnt unser Verstand nach Erklärungen zu suchen. Aus dem Gedanken „Die Menschen hier sind anders“ wird schnell „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Viele Expats erzählen mir, dass sie sich fragen, warum niemand sie einlädt, warum Freundschaften so schwer entstehen oder warum sie sich trotz netter Kollegen so allein fühlen. Diese Gedanken wirken oft sehr überzeugend, spiegeln aber meist nicht die Realität wider. Vielmehr sind sie Ausdruck der Unsicherheit, die fast jeder Mensch erlebt, wenn er sich in einer neuen Kultur zurechtfinden muss.
Besonders intensiv erleben dies Menschen, die aus kollektivistisch geprägten Kulturen stammen. Dort sind Familie, Nachbarschaft und Gemeinschaft oft ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Man besucht sich spontan, hilft einander und verbringt viel Zeit miteinander. Wer dann nach Deutschland zieht, erlebt häufig einen starken Kontrast. Ruhe wird leicht als Desinteresse interpretiert, Privatsphäre als Distanz und Zurückhaltung als Ablehnung. Tatsächlich folgen Menschen lediglich anderen sozialen Regeln. Diese Unterschiede zu verstehen, kann bereits einen großen Teil der Verunsicherung nehmen.
Deshalb möchte ich allen Expats sagen: Sie machen nichts falsch. Sie passen sich an. Ein Umzug in ein anderes Land gehört zu den größten Veränderungen, die wir psychisch bewältigen. Wir verlieren nicht nur unsere gewohnte Umgebung, sondern auch Routinen, Sprache, soziale Netzwerke und oft einen Teil unseres bisherigen Selbstverständnisses. Es ist völlig normal, dass dieser Prozess Kraft kostet und Zeit braucht.
Eine der größten Hilfen auf diesem Weg kann überraschenderweise die Expat-Community sein. Manche Menschen befürchten, sie würden sich weniger integrieren, wenn sie viel Zeit mit anderen Expats verbringen. Meine Erfahrung zeigt jedoch häufig das Gegenteil. Expat-Gruppen – sei es über Facebook, internationale Stammtische, Sprachcafés oder lokale Veranstaltungen – bringen Menschen zusammen, die dieselben Herausforderungen erleben. Allein zu hören: „Mir ging es am Anfang genauso.“ kann unglaublich entlastend sein. Es nimmt das Gefühl, mit den eigenen Sorgen allein zu sein, und schafft Verständnis, das oft nur Menschen aufbringen können, die denselben Weg gegangen sind. Solche Gemeinschaften ersetzen keine Freundschaften mit Deutschen, sie erleichtern jedoch den Weg dorthin und vermitteln das wichtige Gefühl, nicht allein zu sein.
Über einen anderen Aspekt des Lebens im Ausland wird dagegen nur selten gesprochen. Viele Expats freuen sich jahrelang auf den Tag, an dem sie in ihre Heimat zurückkehren. Umso überraschender ist es, wenn sie dort plötzlich feststellen, dass sie sich auch dort nicht mehr vollständig zu Hause fühlen. Freunde haben ihr Leben weitergelebt, Familien haben sich verändert und vor allem hat man sich selbst verändert. Neue Erfahrungen, andere Werte und eine erweiterte Sicht auf die Welt führen dazu, dass die alte Heimat nicht mehr ganz so vertraut erscheint wie früher. Psychologen sprechen hier vom umgekehrten Kulturschock oder Reverse Culture Shock. Viele Rückkehrer beschreiben das Gefühl mit denselben Worten: „Ich gehöre dort nicht mehr richtig hin, aber hier auch noch nicht.“
Auch wenn dieses Gefühl verwirrend sein kann, ist es kein Zeichen dafür, dass etwas verloren gegangen ist. Im Gegenteil: Es zeigt, dass wir gewachsen sind. Wer längere Zeit in einer anderen Kultur gelebt hat, entwickelt eine neue Perspektive auf die Welt und auf sich selbst. Heimat wird dadurch oft weniger zu einem bestimmten Ort und mehr zu einem Gefühl, das aus Erinnerungen, Beziehungen und Erfahrungen besteht.
Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden, möchte ich Ihnen vor allem eines mitgeben: Geben Sie sich Zeit. Niemand erwartet von einem Baum, dass er sofort Wurzeln schlägt, nachdem er umgepflanzt wurde. Warum sollten wir Menschen das von uns selbst erwarten? Statt sich zu fragen, warum Sie sich einsam fühlen, könnte eine andere Frage hilfreicher sein: „Was lerne ich gerade darüber, zwischen zwei Kulturen zu leben?“ Diese kleine Veränderung der Perspektive kann den Blick weg von Selbstkritik und hin zu mehr Selbstmitgefühl lenken.
Einsamkeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass Sie nirgendwo dazugehören. Oft bedeutet sie einfach, dass Sie sich mitten in einer der größten Veränderungen Ihres Lebens befinden. Suchen Sie den Kontakt zu anderen Menschen, besonders zu denen, die denselben Weg gehen oder bereits gegangen sind. Expat-Gruppen können weit mehr sein als Orte für praktische Tipps – sie können der Anfang eines neuen sozialen Netzes sein und Ihnen zeigen, dass Ihre Gefühle völlig normal sind.
Und wenn Sie eines Tages in Ihre Heimat zurückkehren und feststellen, dass Sie sich auch dort verändert haben, erinnern Sie sich daran: Sie haben Ihre Heimat nicht verloren. Ihre Welt ist einfach größer geworden. Heimat ist heute vielleicht kein einzelner Ort mehr. Heimat sind die Menschen, Erfahrungen und Erinnerungen, die Sie auf Ihrem Lebensweg gesammelt haben und die Sie überallhin begleiten.
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